Sie können höllisch schmerzen und kommen meist ohne Vorwarnung – in der Gymnastikstunde, beim Waldlauf, im Schwimmbad oder nachts im Schlaf: Krämpfe in der Wade. Der Muskel zieht sich peinvoll zusammen, wird hart und bleibt so starr für Sekunden bis Minuten. Wer solche unliebsamen Überfälle kennt, wendet häufig instinktiv das richtige Mittel an: Er dehnt die Wadenmuskulatur. Zieht die Fußspitze in Richtung Körper, tritt mit der Ferse nach vorne. Oder er stellt das attackierte Bein durchgestreckt nach hinten und drückt die Ferse dabei fest auf den Boden. Dann löst sich der Krampf, die Schmerzen vergehen. Nur manchmal bleibt ein unangenehmes Gefühl zurück, wie bei einem Muskelkater.
Nicht immer lässt sich für die peinvollen Muskelkrämpfe eine Ursache finden. Wenn solche idiopathischen Wadenkrämpfe nicht zu oft auftreten und sich gleich wieder legen, besonders nach den Dehnübungen, besteht meist kein Grund zu Sorge. Eine familiäre Veranlagung kommt mitunter vor.
Die Krämpfe (medizinisch Crampi oder Krampi, im weiteren Sinne verwenden Ärzte auch den Begriff Spasmus) können tagsüber auftreten, bei bestimmten Aktivitäten, aber auch abends im Bett, beim Einschlafen oder mitten in der Nacht. Manchmal ziehen sich auch Muskeln vorne oder seitlich am Schienbein, an der Fußsohle und an den Zehen zusammen. Die Frage nach dem Wann und dem Wo weist bisweilen schon die Richtung, wenn es darum geht, mögliche Auslöser für einen Wadenkrampf zu ergründen. Zwei gegensätzliche Ursachen stehen dabei ganz oben auf der Liste. Entweder überfordern Wadenkrampfgeplagte ihre Muskulatur, oder sie unterfordern sie.
Hauptursachen: Überanstrengte oder untrainierte Muskeln, gestörter Flüssigkeits- und Mineralhaushalt
Sportler haben des Öfteren mit Schmerzattacken im Bein zu tun – wenn sie sich zu viel zumuten, ihre Muskeln nicht zur Ruhe kommen lassen. Schwitzen sie dazu auch noch stark und trinken sie zu wenig, verlieren sie Flüssigkeit und wichtige Mineralstoffe. Diese brauchen die Nerven jedoch, um geordnete Befehle an die Muskelfasern leiten zu können, die sich dann je nach Bedarf zusammenziehen, auseinanderdehnen oder entspannen. Auch die Muskelfunktionen selbst sind auf ausgeglichene Mineralstoffe angewiesen. Eine ohnehin schon übermüdete Muskulatur bekommt doppelt Probleme mit so einer Feinabstimmung, wenn Mineralstoffe, etwa Magnesium und Kalium, fehlen.
Die andere Seite: Wer nach einer langen Trainingspause wieder motiviert einsteigt, spürt oft schon bald, wie die durchs Nichtstun verkürzten Muskeln unkontrolliert hart werden, etwa wenn der fleißige Turner mit bestimmten Übungen gerade diese Partien anspannt. Menschen, die viel am Schreibtisch und abends vor dem Fernseher sitzen, bekommen die Folgen der muskulären Unterforderung häufig nachts zu spüren.
Manche bemerken auch, dass sich ihre Bein- oder Fußmuskulatur verkrampft, nachdem sie einige Zeit in unbequemen Schuhen unterwegs waren und ihre Muskeln dadurch unter Dauerspannung standen. Bei Fußfehlstellungen, Senk- oder Spreizfüßen können ebenfalls mitunter abendliche oder nächtliche Fußkrämpfe auftreten.
Verändertes Muskelspiel im Alter und in der Schwangerschaft
Mit den Lebensjahren neigen die Muskeln dazu, sich zu verkürzen, der Körper baut Muskelmasse ab, wenn man nicht bewusst durch regelmäßige Bewegung gegensteuert. Viele ältere Menschen trinken außerdem zu wenig oder ernähren sich einseitig. Das beeinträchtigt den Flüssigkeits- und Mineralstoffhaushalt (Elektrolythaushalt). Dazu kommen weitere Einflüsse: Hormonelle Schwankungen, Durchblutungsstörungen, Probleme mit dem Rückgrat und den dort verlaufenden Nerven, die Nebenwirkungen verschiedener Medikamente.
Das Wechselspiel der Hormone und Stoffwechselveränderungen führen bei Schwangeren zu Verschiebungen im Flüssigkeits- und Mineralstoffhaushalt. Gerade in der zweiten Schwangerschaftshälfte besteht unter anderem erhöhter Bedarf an Magnesium. Ein Mangel hier kann dann der Grund für nächtliche Wadenkrämpfe sein.
Weniger häufig: Krankhafte Ursachen
Wenn sich die Muskeln immer wieder schmerzhaft und anhaltend verkrampfen, eventuell nicht nur in der Wade oder im Fuß, sondern auch in anderen Körperpartien, wenn weitere Beschwerden wie Schmerzen, Schwellungen oder Taubheitsgefühle dazukommen, kann manchmal auch eine ernsthafte Ursache dahinterstecken. Wer eine chronische Stoffwechselerkrankung wie Diabetes oder eine chronische Nierenschwäche hat, sollte ohnehin körperliche Veränderungen aufmerksam beobachten, damit er rechtzeitig seinen Arzt konsultiert, um möglichen Komplikationen gegenzusteuern. Für Menschen, die unter Alkoholsucht leiden, sind Krämpfe und Missempfindungen in den Beinen ebenfalls Alarmzeichen für Mangelzustände und Nervenschädigungen.
Infekte mit hohem Fieber und/oder Durchfällen und Erbrechen führen bisweilen schnell zu bedrohlichen Ungleichgewichten im Wasser-Salz-Haushalt (Elektrolythaushalt) mit ausgeprägtem Mineralstoffmangel. Mitunter kommen auch Medikamente als Auslöser infrage. Außerdem können Nervenstörungen oder Nervenerkrankungen (Polyneuropathien) für Wadenkrämpfe verantwortlich sein. Nächtliche, schmerzhafte Wadenkrämpfe sind vereinzelt ein Hinweis auf die amyotrophe Lateralsklerose, eine fortschreitende Erkrankung der Bewegungsnerven im Gehirn und Rückenmark.
Selten verbergen sich Muskelerkrankungen (Myotonien, metabolische Myopathien, Dystonien) dahinter, die meist erblich sind und sich häufig schon im Kindes- und Jugendalter mit charakteristischen Beschwerden bemerkbar machen. Sie können praktisch alle Skelettmuskeln erfassen. Typisch für sogenannte Myotonien ist oft, dass sich einmal angespannte Muskeln nur noch mühsam entspannen. So lassen sich etwa die zur Faust geballte Hand oder die geschlossenen Augenlider nur mehr langsam öffnen. Dazu kommen vermehrte Muskelsteifigkeit, manchmal Lähmungsattacken und bei einigen Krankheitsbildern auch Wadenkrämpfe.
Wann zum Arzt?
Sprechen Sie in jedem Fall mit Ihrem Arzt, wenn
Und wenn andere Symptome und Auffälligkeiten dazukommen, zum Beispiel:
Lähmungserscheinungen im Bein, Kribbeln und Taubheitsgefühle (Notfall!), häufige oder plötzliche Schmerzen im Bein, Fuß oder in der Leiste, Schwellungen an Bein oder Fuß, Rückenschmerzen.
Der Arzt, zunächst der Hausarzt beziehungsweise ein Facharzt für innere Krankheiten (Internist), wird Sie gründlich untersuchen und je nach Diagnose selbst behandeln oder an einen Kollegen aus einem anderen Fachgebiet überweisen. Das kann zum Beispiel ein Spezialist für Nervenerkrankungen (Neurologe) oder für die Bewegungsorgane (Orthopäde) sein (siehe dazu Kapitel "Diagnose").
Nicht zu verwechseln sind Wadenkrämpfe mit anderen Beschwerden in den Beinen, wie dem Syndrom der unruhigen Beine, „Restless-Legs-Syndrom“, oder vorübergehenden, oft nächtlichen Muskelzuckungen, die weniger schmerzhaft als unangenehm sind. Die Muskeln verkrampfen sich dabei nicht und werden auch nicht hart. Die Missempfindungen können aber zu nachhaltigen Schlafstörungen führen.
Übersicht über mögliche Ursachen von Wadenkrämpfen
Siehe dazu auch Kapitel "Therapie und Selbsthilfe".
Ungleichgewichte im Elektrolythaushalt, Stoffwechsel- und Hormonstörungen
Näheres dazu im Kapitel "Ursache: Elektrolythaushalt".
Nervenschäden
Näheres dazu im Kapitel "Ursache: Nervenschäden".
Muskelerkrankungen
Näheres dazu im Kapitel "Ursache: Muskelkrankheiten".
Wadenkrämpfe haben letztlich immer etwas mit den für die Muskeln zuständigen Nerven sowie mit dem Mineralstoffwechsel zu tun. Dieser ist unentbehrlich für die Weiterleitung und Beantwortung von Reizen und damit für Muskelkontraktion und -entspannung. Viele mögliche Ursachen haben Störungen in diesen Abläufen zur Folge. Damit können sie neben anderen charakteristischen Symptomen auch Krämpfe in der Wadenmuskulatur und in den Füßen auslösen. Wichtig: Überforderung und Unterforderung, vorübergehender Flüssigkeits- und Mineralstoffmangel (etwa bei starken Durchfällen oder Erbrechen), die Schwangerschaft, stoffwechselbedingte Nervenschäden (Diabetes, Alkohol) gehören mit Abstand zu den häufigsten Auslösern.
Erkrankungen des Zentralnervensystems im Gehirn, die Bewegungszentren betreffen, wie etwa die Parkinson-Krankheit oder spastische Erkrankungen, sowie weitere Krankheiten, die die Muskel-Nerven-Leitbahnen erfassen, können ebenfalls mit Krämpfen in den Beinen einhergehen. Allerdings stehen bei solchen Krankheiten immer andere Leitsymptome im Vordergrund und von Muskelzuckungen und -verhärtungen (Spasmen) sind auch oder sogar vorwiegend andere Körperpartien erfasst.
Bestimmte bakterielle Infektionen wie die hauptsächlich durch Tiere übertragene Leptospirose lösen neben Fieber und grippeähnlichen Beschwerden heftige, krampfähnliche Wadenschmerzen aus.
Nicht wenige Menschen, die mit Wadenkrämpfen zu tun haben, vermuten, dass ihre Beschwerden mit einem Venenleiden wie Krampfadern zusammenhängen. Dafür gibt es aber keine gesicherten medizinischen Belege. Sehr viel häufiger stecken dann zum Beispiel Fehlbelastungen durch Gelenkprobleme dahinter.
Therapie: Dehnen und bewegen
Grundlage der Behandlung und Vorbeugung von Wadenkrämpfen sind Übungen, die die Unterschenkelmuskulatur dehnen. Maßvolle, aber regelmäßige Bewegung ist das beste Mittel gegen die schmerzhaften Crampi. Dazu heißt es, ausreichend trinken und sich ausgewogen ernähren. Manchmal sind Magnesiumpräparate in Absprache mit dem Arzt hilfreich. Haben die Beschwerden eine krankhafte Ursache, behandelt der Arzt die jeweilige Erkrankung.
In den folgenden Kapiteln erfahren Sie mehr zu möglichen Untersuchungsschritten und zu krankhaften Ursachen. Selbsthilfetipps im Kapitel „Therapie und Selbsthilfe“ schließlich zeigen, wie Sie im Alltag am besten mit harmlosen Wadenkrämpfen umgehen.
Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Informationen und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.
Andrea Blank-Koppenleitner / www.apotheken-umschau.de;
11.05.2011, aktualisiert am 15.05.2012
Bildnachweis: W&B/Martin Ley
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